Der verrückte Kompass

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Der Flohmarkt und das seltsame Klacken
Maja saß auf der alten Steinmauer und schaute den Leuten auf dem kleinen Dorf-Flohmarkt zu. Überall lagen Kisten, Bücher, Spielzeuge und seltsame Dinge, die niemand mehr brauchte – oder vielleicht doch.
„Darf ich noch einmal alleine rübergehen?“, fragte sie ihre Mama.
„Bleib in Sichtweite“, sagte Mama und lächelte. „Und gib nicht all dein Taschengeld auf einmal aus.“
Maja nickte ernst und tappte zwischen den Ständen hindurch. Da hörte sie plötzlich ein leises klack … klack … klack, als würde etwas in einer Schachtel gegen die Wand stoßen.
Der Ton kam von einem ganz kleinen Tisch, an dem ein alter Mann mit grauem Bart saß. Vor ihm stand eine kleine Holzschatulle mit Messingbeschlägen. Jedes Mal, wenn jemand vorbeilief, vibrierte die Schatulle ein bisschen und es machte wieder klack.
„Was ist da drin?“, fragte Maja neugierig.
Der alte Mann sah sie an, seine Augen funkelten. „Ein Kompass“, sagte er leise. „Aber kein gewöhnlicher.“
Der Kompass, der nicht nach Norden zeigt
„Darf ich ihn sehen?“, fragte Maja.
Der Mann öffnete langsam die Schatulle. Darin lag ein kleiner Kompass mit einem runden Glas und einer goldenen Nadel. Doch anstatt ruhig nach Norden zu zeigen, drehte sich die Nadel unruhig hin und her, als könne sie sich nicht entscheiden.
„Der ist kaputt“, meinte Maja enttäuscht.
Der Mann schüttelte den Kopf. „Oh nein. Dieser Kompass zeigt nicht nach Norden. Er zeigt dorthin, wo dein Herz am glücklichsten ist.“
Maja blinzelte. „Das… geht doch gar nicht.“
„Probier es aus“, schlug der Mann vor und legte ihr den Kompass in die Hand.
In dem Moment, als Majas Finger das kalte Metall berührten, hörte die Nadel auf, wild zu kreisen. Sie blieb stehen und zeigte entschlossen in eine Richtung – weg vom Flohmarkt, hin zum kleinen Wald hinter dem Dorf.
„Siehst du?“, murmelte der Mann. „Dein Herz weiß etwas, das du noch nicht weißt.“
Maja schluckte. „Was kostet er?“
Der Mann lächelte. „Ein Lächeln und ein gutes Abenteuer.“
Maja strahlte ihn an, so breit sie nur konnte. „Hier ist dein Lächeln.“
„Dann wünsche ich dir ein gutes Abenteuer“, sagte er, schloss die Schatulle und schob ihr den Kompass zu.
Auf in den geheimnisvollen Wald
Mit dem Kompass fest in der Hand lief Maja zurück zu Mama. „Schau mal, ich habe einen Kompass bekommen!“
„Oh, wie hübsch“, sagte Mama. „Aber bleib bitte aus dem Wald raus, es wird bald Abend.“
Maja nickte… und spürte gleichzeitig ein Kribbeln im Bauch. Der Kompass in ihrer Hand vibrierte kurz und die Nadel zuckte.
Später, als der Flohmarkt fast vorbei war und Mama noch mit einer Bekannten sprach, betrachtete Maja den Kompass wieder. Die Nadel zeigte entschieden auf den Wald.
„Nur ein kleines Stück“, murmelte Maja. „Ich bleibe am Rand.“
Sie ging den bekannten Feldweg entlang, der direkt zum Waldrand führte. Je näher sie kam, desto ruhiger wurde der Kompass. Die Nadel vibrierte nicht mehr, sie zeigte still geradeaus.
Am Waldrand blieb Maja stehen. Das Licht der Abendsonne fiel schräg durch die Bäume und zeichnete goldene Streifen auf den Boden.
„Na los“, flüsterte sie, „zeig mir, wo mein Herz glücklich wird.“
Sie machte ein paar Schritte in den Wald hinein. Vögel zwitscherten, irgendwo knackte ein Ast. Der Kompass drehte sich kurz und zeigte dann nach links, zu einem kleinen, kaum sichtbaren Trampelpfad.
Das Baumhaus, das fast vergessen war
Der Trampelpfad führte zu einer Lichtung, die Maja noch aus der Zeit kannte, als sie kleiner war. Damals hatte sie mit ihrem besten Freund Ben ein Baumhaus begonnen, aber nie fertig gebaut.
„Oh!“, machte Maja leise.
Über ihr stand tatsächlich immer noch das halbfertige Baumhaus. Die Bretter waren ein wenig schief, aber es sah immer noch nach Abenteuer aus.
Der Kompass in ihrer Hand vibrierte freudig, die Nadel deutete direkt nach oben, zum Baumhaus.
Maja erinnerte sich, wie sie und Ben hier gelacht hatten, wie sie Pläne gemacht hatten: ein Geheimclub, eine Piratenbasis, eine Weltraumstation – alles in diesem Baumhaus. Doch dann war Ben mit seiner Familie in eine andere Stadt gezogen, und das Baumhaus war allein geblieben.
„Vielleicht zeigt der Kompass mich dahin, wo ich früher glücklich war“, flüsterte Maja.
Sie kletterte vorsichtig die Leiter hinauf. Oben legte sie sich auf den Rücken und schaute durch das Ast-Dach in den Himmel. Die ersten Sterne funkelten bereits.
Neben ihr lag noch ein altes, buntes Band, das Ben einmal am Handgelenk getragen hatte. Es war ein Freundschaftsband. Maja nahm es in die Hand. In ihrer Brust wurde es warm, ein bisschen traurig, aber auch schön.
Der Kompass lag neben ihr. Die Nadel drehte sich langsam und blieb dann genau auf dem Band stehen.
„Du willst mir sagen, dass… mein Herz hier glücklich ist, weil ich Ben vermisse?“, fragte Maja leise.
Der Wald antwortete mit Windrauschen.
Ein Entschluss und ein klingelndes Handy
Maja setzte sich auf, holte ihr kleines Kinderhandy aus der Tasche und starrte auf den Bildschirm. Sie hatte Bens Nummer schon seit Monaten nicht mehr gewählt.
„Ich könnte ihn ja mal wieder anrufen“, murmelte sie.
Der Kompass vibrierte kurz, als würde er sagen: Ja, mach das!
Mit klopfendem Herzen tippte sie auf Bens Namen. Das Freizeichen klang plötzlich furchtbar lang. Dann:
„Hallo? Hier ist Ben.“
„Hi… hier ist Maja“, sagte sie. „Ich sitze gerade in unserem alten Baumhaus.“
Kurze Stille – dann lachte Ben laut. „Gibt’s das noch? Das ist ja mega! Wie sieht es aus?“
Sie redeten und lachten, als wären sie nie getrennt gewesen. Maja erzählte von dem verrückten Kompass, der sie hierher geführt hatte. Ben erzählte von seiner neuen Schule und wie er manchmal das Dorf vermisste.
„Weißt du was?“, sagte Ben am Ende. „Vielleicht komme ich dich in den Ferien besuchen. Dann bauen wir das Baumhaus endlich fertig. Versprochen!“
Als Maja auflegte, fühlte sie etwas, das stärker war als jedes Abenteuer – das Gefühl, wieder verbunden zu sein.
Der Kompass lag ruhig in ihrer Hand. Die Nadel war still, als hätte sie ihr Ziel erreicht.
Zurück nach Hause und ein Herz, das lächelt
„Maja!“, rief eine vertraute Stimme aus der Ferne.
Maja zuckte zusammen. „Mama!“
Sie steckte den Kompass in die Tasche, kletterte schnell vom Baumhaus und lief zum Waldrand zurück. Mama stand dort, ein wenig besorgt, aber auch erleichtert.
„Da bist du ja. Ich hab dich schon gesucht“, sagte sie und nahm Maja in den Arm.
„Tut mir leid“, murmelte Maja. „Ich war nur kurz beim Baumhaus. Ich wollte dir später alles erzählen.“
Auf dem Weg nach Hause erzählte sie es trotzdem: vom alten Mann, dem Kompass, vom Baumhaus und dem Anruf bei Ben. Mama hörte still zu und lächelte.
„Dann hat der Kompass dir ja gezeigt, was dir wirklich wichtig ist“, sagte sie schließlich.
„Ja“, antwortete Maja und legte eine Hand auf ihre Brust. „Mein Herz war ein bisschen traurig, weil ich Ben vermisst habe. Jetzt fühlt es sich wieder ganz warm an.“
Später, in ihrem Bett, holte Maja den Kompass noch einmal hervor. Das Nachtlicht warf einen weichen Schein auf das Glas. Die Nadel bewegte sich nur ein kleines Stück – dieses Mal in Richtung ihres Zimmers, zu Mama im Wohnzimmer, zu all den Menschen und Dingen, die sie liebte.
„Ich weiß schon“, flüsterte Maja. „Mein Herz ist gerade hier am glücklichsten.“
Sie legte den Kompass unter ihr Kopfkissen. Draußen flüsterte der Wind, und irgendwo ganz weit weg freute sich ein Junge namens Ben auf die Ferien.
Maja schloss die Augen, ihr Herz lächelte – und der verrückte Kompass ruhte ganz still.